Regividerm
Ich spinne mal ein bißchen rum: Stellt euch vor, man würde ein Medikament erfinden, dass alle Krankheiten heilen könnte. Man würde einfach einmal im Leben eine Pille davon einnehmen und nie wieder krank werden. Utopisch, klar, aber vorstellbar. So, und jetzt stellt euch mal den Pharmakonzern vor, der dieses Medikament herstellen und verkaufen würde. Auch utopisch, aber leider irgendwie nicht mal mehr vorstellbar.
Was ich damit sagen will ist klar: Ich traue der Pharmaindustrie nicht weiter, als ich sie werfen kann. Es reicht ja ein Blick auf die aktuelle Debatte rund um das Thema Schweinegrippeimpfung, um misstrauisch zu werden. Um so willkommener war der Beitrag “Heilung unerwünscht”, der vergangene Woche im öffentlich rechtlichen Fernsehen zu sehen war. Er handelt von einem vermeintlich wirksamen Medikament Medizinprodukt namens Regividerm, das gegen Neurodermitis und Psoriasis (Schuppenflechte) helfen soll. Der Bericht geht sehr detailliert darauf ein, wie die Pharmaindustrie das Erscheinen dieses wirksamen Mittels verhindern möchte, um eigene teurere Präparate zu verkaufen. Den Beitrag kann man hier online sehen.
Da ich selber unter Neurodermitis leide und dieses Mittelchen keine Nebenwirkungen haben soll, war ich zugegebenermaßen recht wütend. Ich habe zwar nicht annähernd so viele Probleme, wie die in den Beitrag gezeigten Patienten und Kinder, aber wenn es bei mir auftritt, dann ist das schon mindestens lästig und ein derartiges unkompliziertes Präparat wäre mehr als nur willkommen. Zumal ich derzeit auch eines der im Film erwähnten Medikamente benutze, dessen im Film detailliert beschriebene Nebenwirkungen ich bis dato nicht kannte. Ich war also wütend und hatte mich gleich nach dem Beitrag an den Rechner gesetzt, um meine Empörung in die Welt hinaus zu schrei(b)en.
Ich hatte den Blogartikel fast fertig und wollte nur noch ein paar Links zusammen suchen, da stieß ich im Web auf die ersten kritischen Kommentare. In Blogs und Foren wurden erste kritische Stimmen laut, dass die Firma hinter Regividerm sich bereits vor vielen Jahren einfach wirtschaftlich verkalkuliert hätte, dass die Studienergebnisse nicht ausreichend wären und dass alles nur ein PR-Coup für ein Buch wäre. Außerdem tauchte Regividerm in einigen Preissuchmaschinen und Online-Apotheken auf, als “lieferbar” gekennzeichnet. Ich habe daraufhin beschlossen, meinen wütenden Artikel erstmal ruhen zu lassen und noch etwas zu recherchieren.
Die Kollegen von der Süddeutschen Zeitung oder vom Spiegel haben das nicht getan. Dort glaubte man den TV-Beitrag und stellte entsprechende Artikel online. Auch drei Tage später noch. Mittlerweile ist eine Woche ins Land gegangen und die Kritiker haben sich etwas besser formiert: In den ScienceBlogs hat man die Studien auf wissenschaftliche Mängel untersucht, wobei rauskommt, dass sich auf Grund der dünnen Datenlage und methodischer Mängel kaum eine Wirksamkeit nachweisen lasse. Der Gesundheitsblogger hat den chronologischen Verlauf der Medienkampagne in einem vielfach aktualisierten Beitrag festgehalten. Und auf der Webseite Esowatch ist eine umfassende Faktensammlung zum Thema entstanden.
Außerdem haben sich diverse Vereine von Neurodermitis- und Psoriasis-Betroffenen von dem Film und der Salbe distanziert. Eine Vielzahl betroffener Blogger hat bereits oder wird in den nächsten Tagen ähnliche Artikel zusammenschreiben wie ich das hier gerade tue und bei Twitter ist das Thema natürlich auch ausführlichst (haha) abgehandelt worden.
Aber während mittlerweile sogar die Süddeutsche und SpiegelOnline mitbekommen haben, dass da etwas nicht stimmt, ist man beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch immer sehr angetan von der eigenen Reportage. Der Beitrag ist unkommentiert noch immer verfügbar, man freut sich über die Resonanz der Bürger und löscht kritische Kommentare.
Wir wurden alle Zeuge eines Lehrstücks in Sachen PR, da waren alle Zutaten beisammen: Ein kleiner Mann als großer Held, traurige Kinderaugen, böse Konzerne und Hoffnung! Und alles bei einem seriösen Sender. Und – Halleluja – den Leidenden kann geholfen werden, eine schweizer Firma erbarmt sich und macht das Unmögliche möglich.
Aber das Kartenhaus ist in sich zusammen gefallen und übrig bleibt ein Häufchen Asche, in dem ein letzter Rest Vertrauen in die Medien und meine kurz aufkeimende Hoffnung im Kampf gegen Neurodermitis vor sich hin qualmen.
[Update] Ein offener Brief an die Klaus Martens und Frank Plasberg.
toba

Am 27. Oktober 2009 um 16:28 Uhr
Der Redakteur und Autor des Buches “Heilung unerwünscht” hat sich inzwischen ebenfalls in einem offenen Brief geäußert: http://www.daserste.de/doku/allroundbeitrag_dyn~uid,bbpwtmokgya7af7p~cm.asp
Am 27. Oktober 2009 um 16:36 Uhr
Danke für den Link. Ich denke, da wird noch einiges kommen. Bei SpOn (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,657645,00.html) wird gerade gemunkelt, dass es doch noch ein aufwendiges Zulassungsverfahren als Medikament geben wird.
Mal schauen. Vielleicht wirkt das Zeug am Ende ja doch … ach, Hoffnung, du hartnäckiges Biest.
Am 31. Oktober 2009 um 15:45 Uhr
Ich drücke Dir ebenfalls die Daumen